Buch 1: Am Boden des Bechers wartet Gott

Andreas Neyer:
Am Boden des Bechers wartet Gott (2015)
Auf der Suche nach einem modernen Gottesbild

Es ist das Anliegen dieses kleinen Buches, einen Beitrag zur Überwindung des theistischen Gottesbildes zu leisten und zu einem Gottesverständnis zu kommen, das mehr von einer panentheistischen Sichtweise, also eines „Gott-in-Allem“, geprägt ist. Auf diesem Wege sind grundlegende Erkenntnisse der Quantenphysik hilfreich, die in diesem Buch auf verständliche und prägnante Weise dargestellt werden. Die Quantenphysik geht von einer Struktur der Wirklichkeit aus, die einerseits die sichtbare, materielle Realität beinhaltet, zur Berechnung und Erklärung derselben aber eine nicht sichtbare, hintergründige Wirklichkeit annimmt, die eher den Charakter von Wahrscheinlichkeiten hat. Diese Struktur, die auf der Ebene der Atome und Elementarteilchen sichtbar wird, erinnert stark an die körperlich-geistige Bedingtheit des Menschen und wird dahingehende interpretiert, dass unser gesamter Kosmos als ein Zusammenspiel von geistigen und materiellen Eigenschaften zu verstehen ist. Letztlich erkennt der Autor in dieser Struktur ein Gottesbild, welches die Anwesenheit des Göttlichen in Allem sieht. Er stimmt mit dem Mystiker Willigis Jäger überein, wenn er sagt: „Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Menschen als Mensch“, sowie mit dem Apostel Paulus, der in Apg. 17,28 schreibt: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“.

Für Amalia und Elias

VORWORT

Dieses kleine Buch stellt den vorläufigen Abschluss eines langen Suchprozesses dar, der vor nunmehr fast 60 Jahren in der Zeit meiner Kindheit und Jugend begann. Es waren immer dieselben Fragen nach dem Sinn des Ganzen, nach Gott und seiner Beziehung zu mir und zur Welt, die mich bewegten und auch heute immer noch bewegen. Dabei habe ich nie Zweifel da-ran gehabt, dass es das, was wir Gott nennen, in ir-gendeiner Form gibt, mich umgibt und für mein Leben von großer Bedeutung ist. Was mich allerdings nie überzeugt hat, war die Art und Weise, wie ich mir das Wesen und Wirken Gottes vorstellen sollte. Das be-gann mit den Antworten, die ich auf die Fragen des Katechismus auswendig zu lernen hatte, für die Ant-worten meiner Religionslehrer und auch die meiner Professoren im Theologiestudium.
Mit der Unzufriedenheit der kirchlichen Antworten auf meine existenziellen Fragen nach Gott stehe ich aller-dings nicht alleine da. Als Beispiel zitiere ich den ame-rikanischen Theologen Marcus J. Borg, der in seinem Buch „Heute Christ sein“ fragt: „Wenn Gott manchmal eingreift, wie erklärt man sich dann sein Nichteingrei-fen an anderer Stelle? Ergibt die Vorstellung, dass Gott jemals von außen eingreift, angesichts all der furchtbaren Dinge, die geschehen, einen Sinn? Wenn Gott hätte eingreifen können, um den Holocaust zu verhindern, aber sich dagegen entschied – was sollte das für einen Sinn ergeben? Ergibt es einen Sinn, dass Gott Terroran-schläge verhindern könnte, aber (zumindest manchmal) sich dagegen entscheidet? Wenn dem so sein sollte, warum dann manchmal und manchmal nicht? Die Annahme, dass Gott eingreift, beinhaltet die Annahme, dass Gott zugunsten mancher Menschen handelt und für andere nicht.“

Das von Marcus Borg beschriebene und von kirchlicher Seite bevorzugte Bild von Gott ist das des übernatürli-chen Theismus, d.h. eines Gottes „da draußen“ bzw. „oben im Himmel“, der immer wieder von „außen“ in das Geschehen auf der Erde eingreift, besonders, wenn er Gebete erhört. Für die Mehrheit der moder-nen Menschen sowie auch für mich ist ein solches Got-tesbild jedoch nicht mehr akzeptabel.
Nach vielfachen Suchbewegungen bin ich schließlich auf das Konzept der Quantenphysik gestoßen, allerdings weniger durch mein Physikstudium, als vielmehr durch Anregungen des Mystikers Willigis Jäger, der in seinen Schriften des Öfteren auf die Quantenphysik zu sprechen kommt. Nach weiterer vertiefender Lektüre der Bücher u.a. von Hans Peter Dürr, Lothar Schäfer und Shimon Malin war es für mich faszinierend zu sehen, wie einerseits die Gottesbilder, die die Mystik auf Grund ihrer Innenschau entwickelt hat, und andererseits die Bilder einer hintergründigen Wirklichkeit bzw. einer Transzendenz, die aus den Konzepten der Quantenphysik abgeleitet bzw. extrapoliert werden können, zusammen passen wie die zwei Seiten einer Medaille.
Unzweifelhaft ist die Quantenphysik eine Naturwissenschaft und damit prinzipiell unqualifiziert, Antworten auf philosophische oder theologische Fragen zu geben. Im Gegensatz zu allen anderen naturwissen-schaftlichen Disziplinen benötigt die Quantenphysik jedoch neben der messbar-materiellen Ebene eine rein abstrakte, dimensionslose, nicht-materielle Ebene, um Messergebnisse vorherzusagen. Damit finden wir in der Quantenphysik eine Grundstruktur vor, die uns an die Wechselwirkung zwischen materieller und geistiger Ebene beim Menschen erinnert und Raum bietet für eine – wie auch immer geartete – hintergründige geistige Wirklichkeit.

Ich glaube daher, dass die Konzepte der Quantenphysik sehr gut geeignet sind, ein umfassendes und ein-heitliches Welt- und Gottesbild zu entwickeln, welches sowohl den Ansprüchen der Naturwissenschaften als auch denen der Geisteswissenschaften genügen könn-te.
Die Tatsache, dass die Quantenphysik auch nach mehr als 100 Jahren seit ihrer Entdeckung für den größten Teil der Öffentlichkeit ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, liegt u.a. an der nicht ganz einfachen Kommunikation ihrer Inhalte: Sollen sie korrekt sein, so lassen sie sich nur in der komplizierten Sprache der Mathematik ausdrücken; sollen sie allerdings auch für Nichtfachleute verständlich sein, werden sie häufig sehr oberflächlich oder gar falsch dargestellt. Ein wei-teres Problem für die seriöse Vermittlung quantenphysikalischer Inhalte stellt der Missbrauch quantenphysi-kalischer Begriffe dar, wie sie häufig als kommerzieller Anreiz für esoterische Produkte verwendet werden.

Es liegt mir daher sehr am Herzen, mit der vorliegenden kleinen Schrift die Grundlagen der Quantenphysik so darzustellen, dass sie auch denen, die keine Vorkenntnisse in Physik besitzen, verständlich werden ohne dabei jedoch falsche Vorstellungen von den phy-sikalischen Gegebenheiten zu vermitteln. Zu diesem Zweck habe ich ein anschauliches Zwei-Ebenen-Modell entwickelt, an dem sich das prozesshafte Wechselspiel von Quanten zwischen faktischer Realität und nicht-sichtbarer Möglichkeitswelt sehr schön demonstrieren lässt.

Andreas Neyer
Iserlohn, im Dezember 2015

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