Was ist Mystik?

Eine schöne Beschreibung dessen, was vielfach unter Mystik verstanden wird und was sich mit meinem Verständnis deckt, habe ich in dem Buch „Qigong meets Quantenphysik“ von Imke Bock-Möbius gefunden. Der folgende Textauszug beinhaltet die Seiten 42-45. Er wurde von mir leicht modifiziert und mit Hervorhebungen versehen:

„Was genau ist mit Mystik gemeint? Ganz sicher nicht ein Sammelbegriff für alles, was ein bisschen nebulös ist. Nach Jäger ist Mystik „der Name für eine transkonfessionelle Spiritualität”. Erkenntnis durch Innenschau, nicht durch gelehrtes Denken; ursprünglich stammt der Begriff aus dem Griechischen und meint das Schließen von Augen und Lippen.
In ähnlicher Weise spricht auch Laotse über das Einheitserlebnis: „Meine Seele ist gebunden und vermag nicht zu denken; mein Mund ist geschlossen und vermag nicht zu reden”.  Mystik ist eine Spiritualität jenseits von Konfession, Glauben und Bekenntnis, die direkt zum Erkennen führt, zur Erfahrung des Absoluten im Hier und Jetzt, ein „Einschwingen in das kosmische Gesetz”  oder „die Erfahrung des Mysteriums”. Spiritualität betrachtet den Geist als die höchste Wirklichkeit und Materie als eine Erscheinungsform des Geistes, als verdichteten Geist.

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Abbildung 5:  Die Unterschiede zwischen den Religionen in den äußeren Wegen (Exoterik) verringern sich auf der Ebene der inneren Wege (Esoterik) und sammeln sich in einem Punkt, dem „Allerhöchsten”

Wie in Abbildung 5 dargestellt, haben alle Religionen auf der Ebene der inneren Erfahrung (Esoterik) das gleiche Ziel: Sie nähern sich immer mehr einander an bis sie in einem höchsten Punkt zusammenlaufen. Jede Religion definiert den Weg zur Einheit mit dem Allerhöchsten auf ihre Art. Aber die Beschreibung der Erfahrung, also der exoterische Teil der Religion, wird durch den kulturellen Hintergrund geprägt, wodurch sich die zahlreichen Unterschiede zwischen den Konfessionen ergeben. Die Erfahrung selbst ist klar und deutlich, aber die Erfahrung mitzuteilen, ist so schwierig.

Ich stelle mir die Annäherung an das Allerhöchste in etwa so vor wie in Abbildung 6 dargestellt.

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Abbildung 6:   Annäherung der Religionen an das Allerhöchste

Die Religionen weisen uns die Richtung zum Absoluten. Doch der höchste Punkt kann rational nicht erreicht werden; er ist undefiniert, er kann nur erlebt werden. Das hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Situation in der Kosmologie. Dort hat die Frage nach dem,  was vor dem Urknall war, keinen Sinn, denn Zeit und Raum sind davor nicht definiert. Dennoch möchten wir wissen, wie es dazu kam. Es entstand etwas, das ich das Prinzip Leben nennen möchte, im vorigen Kapitel nannten wir es Däo oder Qi.

In seinen Büchern „Die Welle ist das Meer“ und „Wiederkehr der Mystik“, auf die ich mich hier beziehe, verdeutlicht Willigis Jäger mit sehr schönen Beschreibungen und bildhaften Vergleichen das, was so schwer zu beschreiben ist. Auch wenn es Umschreibungen bleiben, machen sie uns neugierig auf den Weg. Das Eintauchen in das transpersonale Eine wird „unio mystica” genannt: Wenn wir Gott mit dem Meer vergleichen und wir Menschen die Wellen sind, dann ist die mystische Erfahrung so, dass sich die Welle als Teil des Ozeans wahrnimmt – und sich gleichzeitig das Meer als Welle erfährt; beides ist Meer und Welle zugleich.

Man kann Religion aus Theologie (dem rationalen Teil) und Mystik (dem erfahrbaren Teil) zusammengesetzt verstehen. Da in der katholischen Lehre die Mystik aber der Dogmatik zugeordnet ist, mussten Erfahrungsberichte gemäß der rationalen Glaubenslehre formuliert werden. Sie wurden dadurch stark gefiltert und spielten nur noch eine untergeordnete Rolle, bis die mystischen Erfahrungen bei den Theologen in Vergessenheit gerieten. Das Anliegen von Jäger ist es, die verschiedenen mystischen Traditionen, speziell auch die des Christentums, wieder ins Bewusstsein zu bringen und neu zu beleben. Damit ist er nicht allein. Der Erneuerungstheologe Karl Rahner sagte: „Der Christ der Zukunft wird Mystiker sein”; Jäger erweitert diesen Ausspruch zu: „Der Mensch der Zukunft wird Mystiker sein” oder er wird nicht sein. Der Philosoph und Theologe Titus Brandsma erklärte bereits 1932 (damals Rektor der Universität Nijmegen), dass die „Mystik zur Lösung der Weltkrise nötig” sei. Die Erfahrung und eben auch die Erfahrbarkeit des Göttlichen über das reine Glauben hinaus ist es, aus der sich letztlich die Sinnfrage beantworten lässt. Gott, auch die Erste Wirklichkeit genannt, „wird als die Eine Wirklichkeit gesehen, die sich vielgestaltig offenbart, dabei aber immer sie selbst bleibt. Sie ist wie das Meer, das sich in millionenfachem Wellenschlag offenbart, aber immer das gleiche Wasser bleibt”!”.

Im Einheitserlebnis wird die Überwindung des Ich und damit die Entdeckung des Selbst beschrieben. Das Ich ist das Organisationszentrum für unsere personale Struktur und unser Leben im Alltag. Die mystische Erfahrung lehrt uns, uns nicht mit dem Ich zu identifizieren, sondern Zusammenhänge zu erkennen. Hildegard von Bingens (12. Jh.) mystisches Erleben beruht „allein auf der persönlichen Erfahrung einer Begegnung mit Gott”. Je mehr wir Gott mit unserem Ego aus dem Weg gehen, desto besser kann er wirken.

Alle Religionen sind Wege zur Erfahrung des Göttlichen – und es gibt viele Wege; aber alle führen sie auf den einen Berg (s. Abb. 5). Man kann Religionen auch als Kirchenfenster ansehen: „Sie geben dem Licht, das durch sie hindurch scheint, eine bestimmte Struktur”; ohne Licht sind sie dumpf. So wie die Fenster dem Licht die Farbe geben, machen die Religionen das Unfassbare fassbar. – Oder noch anders ausgedrückt: Gott erscheint in den Religionen wie das Licht in den Spektralfarben. In diesem Bild ist deutlich, dass jeder seine Lieblingsfarbe haben kann und keine Farbe besser als eine andere ist.

Aber die Religionen können auch unerwünschte Auswirkungen haben: Man kann sie mit dem Mond vergleichen, der nachts die Erde beleuchtet, sein Licht aber von der Sonne bezieht. Tritt der Mond jedoch zwischen Sonne und Erde, dann gibt es eine Sonnenfinsternis und es wird dunkel auf der Erde. Hier repräsentiert die Sonne das Göttliche und die Erde den Menschen. Schiebt sich also die Religion (Mond) zwischen Gott (Sonne) und Mensch (Erde), verdeckt sie Gott und es folgt eine „Gottesfinsternis” für den Menschen; dann hat die Re-ligion einen unangemessenen Platz eingenommen und die Erfahrung des Göttlichen eher behindert als erleichtert. – Trotz dieser möglichen Schwierigkeiten sind für sehr viele Menschen die Religionen die Anlaufstellen, um letztlich zur Spiritualität zu gelangen.“

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