Vorwort

Für Amalia und Elias

VORWORT

Dieses kleine Buch stellt den vorläufigen Abschluss eines langen Suchprozesses dar, der vor nunmehr fast 60 Jahren in der Zeit meiner Kindheit und Jugend begann. Es waren immer dieselben Fragen nach dem Sinn des Ganzen, nach Gott und seiner Beziehung zu mir und zur Welt, die mich bewegten und auch heute immer noch bewegen. Dabei habe ich nie Zweifel da-ran gehabt, dass es das, was wir Gott nennen, in ir-gendeiner Form gibt, mich umgibt und für mein Leben von großer Bedeutung ist. Was mich allerdings nie überzeugt hat, war die Art und Weise, wie ich mir das Wesen und Wirken Gottes vorstellen sollte. Das be-gann mit den Antworten, die ich auf die Fragen des Katechismus auswendig zu lernen hatte, für die Ant-worten meiner Religionslehrer und auch die meiner Professoren im Theologiestudium.
Mit der Unzufriedenheit der kirchlichen Antworten auf meine existenziellen Fragen nach Gott stehe ich aller-dings nicht alleine da. Als Beispiel zitiere ich den ame-rikanischen Theologen Marcus J. Borg, der in seinem Buch „Heute Christ sein“ fragt: „Wenn Gott manchmal eingreift, wie erklärt man sich dann sein Nichteingrei-fen an anderer Stelle? Ergibt die Vorstellung, dass Gott jemals von außen eingreift, angesichts all der furchtbaren Dinge, die geschehen, einen Sinn? Wenn Gott hätte eingreifen können, um den Holocaust zu verhindern, aber sich dagegen entschied – was sollte das für einen Sinn ergeben? Ergibt es einen Sinn, dass Gott Terroran-schläge verhindern könnte, aber (zumindest manchmal) sich dagegen entscheidet? Wenn dem so sein sollte, warum dann manchmal und manchmal nicht? Die Annahme, dass Gott eingreift, beinhaltet die Annahme, dass Gott zugunsten mancher Menschen handelt und für andere nicht.“

Das von Marcus Borg beschriebene und von kirchlicher Seite bevorzugte Bild von Gott ist das des übernatürli-chen Theismus, d.h. eines Gottes „da draußen“ bzw. „oben im Himmel“, der immer wieder von „außen“ in das Geschehen auf der Erde eingreift, besonders, wenn er Gebete erhört. Für die Mehrheit der moder-nen Menschen sowie auch für mich ist ein solches Got-tesbild jedoch nicht mehr akzeptabel.
Nach vielfachen Suchbewegungen bin ich schließlich auf das Konzept der Quantenphysik gestoßen, aller-dings weniger durch mein Physikstudium, als vielmehr durch Anregungen des Mystikers Willigis Jäger, der in seinen Schriften des Öfteren auf die Quantenphysik zu sprechen kommt. Nach weiterer vertiefender Lektüre der Bücher u.a. von Hans Peter Dürr, Lothar Schäfer und Shimon Malin war es für mich faszinierend zu sehen, wie einerseits die Gottesbilder, die die Mystik auf Grund ihrer Innenschau entwickelt hat, und ande-rerseits die Bilder einer hintergründigen Wirklichkeit bzw. einer Transzendenz, die aus den Konzepten der Quantenphysik abgeleitet bzw. extrapoliert werden können, zusammen passen wie die zwei Seiten einer Medaille.
Unzweifelhaft ist die Quantenphysik eine Natur-wissenschaft und damit prinzipiell unqualifiziert, Antworten auf philosophische oder theologische Fragen zu geben. Im Gegensatz zu allen anderen naturwissen-schaftlichen Disziplinen benötigt die Quantenphysik jedoch neben der messbar-materiellen Ebene eine rein abstrakte, dimensionslose, nicht-materielle Ebene, um Messergebnisse vorherzusagen. Damit finden wir in der Quantenphysik eine Grundstruktur vor, die uns an die Wechselwirkung zwischen materieller und geistiger Ebene beim Menschen erinnert und Raum bietet für eine – wie auch immer geartete – hintergründige geistige Wirklichkeit.

Ich glaube daher, dass die Konzepte der Quantenphysik sehr gut geeignet sind, ein umfassendes und ein-heitliches Welt- und Gottesbild zu entwickeln, welches sowohl den Ansprüchen der Naturwissenschaften als auch denen der Geisteswissenschaften genügen könn-te.
Die Tatsache, dass die Quantenphysik auch nach mehr als 100 Jahren seit ihrer Entdeckung für den größten Teil der Öffentlichkeit ein Buch mit sieben Siegeln geblieben ist, liegt u.a. an der nicht ganz einfachen Kommunikation ihrer Inhalte: Sollen sie korrekt sein, so lassen sie sich nur in der komplizierten Sprache der Mathematik ausdrücken; sollen sie allerdings auch für Nichtfachleute verständlich sein, werden sie häufig sehr oberflächlich oder gar falsch dargestellt. Ein wei-teres Problem für die seriöse Vermittlung quantenphysikalischer Inhalte stellt der Missbrauch quantenphysi-kalischer Begriffe dar, wie sie häufig als kommerzieller Anreiz für esoterische Produkte verwendet werden.

Es liegt mir daher sehr am Herzen, mit der vorliegen-den kleinen Schrift die Grundlagen der Quantenphysik so darzustellen, dass sie auch denen, die keine Vorkenntnisse in Physik besitzen, verständlich werden ohne dabei jedoch falsche Vorstellungen von den phy-sikalischen Gegebenheiten zu vermitteln. Zu diesem Zweck habe ich ein anschauliches Zwei-Ebenen-Modell entwickelt, an dem sich das prozesshafte Wechselspiel von Quanten zwischen faktischer Realität und nicht-sichtbarer Möglichkeitswelt sehr schön demonstrieren lässt.

Letztes Ziel ist es allerdings, diejenigen Aspekte der Quantenphysik in kompakter und anschaulicher Form herauszuarbeiten, welche auf eine „hintergründige Wirklichkeit“ hindeuten, um auf dieser Grundlage die vielfältigen Interaktionen von Materie und Geist zu diskutieren und daraus letztlich ein neues (altes) Got-tesbild abzuleiten.

Ich danke allen, die mich ermutigt haben, die Inhalte meiner Vorträge in schriftlicher Form abzufassen, um sie in Ruhe nachlesen zu können.
Für die Mühe und Zeit des Korrekturlesens wie auch für die wertvollen Hinweise und Ergänzungen danke ich besonders Anne und Michael, Kathrin und Willfried, Christine und Johannes sowie auch Michael Thiedig.

Andreas Neyer

Iserlohn, im Dezember 2015

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