Vorwort – Heute Christ sein

Marcus J. Borg
Heute Christ sein

Den Glauben wieder entdecken

Patmos 2005

Vorwort

Was bedeutet es, heute Christ zu sein?
Was macht das Christentum aus? Was bedeutet es, heute Christ zu sein? In diesem Buch erläutere ich zwei recht unterschiedliche Antworten auf diese Fragen. Die erste entspricht einer früheren Vorstellung vom Christsein; die zweite ist eine Vision, die gerade erst entsteht. In den heutigen Kirchen existieren beide Sichtweisen, und sie spalten die Gemeinschaft der Christen. Wir leben in einer Zeit des Konflikts und des Wandels in der Kirche.
Ich schreibe sowohl voller Überzeugung als auch mit Leidenschaft. Meine Überzeugung ist: Christsein ergibt einen Sinn. In meinem Leben hat diese Überzeugung lange gebraucht, sich zu entwickeln. Zwanzig Jahre lang, von meinen mittleren Teenagerjahren bis Mitte Dreißig, hat das Christentum für mich nicht sehr viel Sinn ergeben. Hauptsächlich aus intellektuellen Gründen hatte die Form des Christentums, die ich in meiner Kindheit kennen lernte, aufgehört, überzeugend zu sein.
Seit einiger Zeit nun meine ich, dass es keine ernsthaften intellektuellen Hürden gibt, Christ zu sein. Es gibt eine überzeugende und bezwingende Sicht des Christentums, die unser Leben sinnvoll erscheinen lässt – eine Sicht auf die Wirklichkeit und unser Leben darin; eine Sicht auf Gott, auf unsere Beziehung zu Gott und auf unseren christlichen Weg. Das Opfer, das das Christentum uns abverlangt, ist nicht unbedingt ein Opfer des Verstandes.
Meine Leidenschaft ist: diese Perspektive denen zu ermöglichen, für die ein früheres Verständnis von Christentum wenig oder gar keinen Sinn ergibt. Das trifft auf Millionen Menschen zu. Einige sind aus der Kirche ausgetreten und gehören nun zur »Kirche der Ehemaligen«, wie es der Bischof der Episcopal Church in den USA, John Shelby Spong, ausdrückt. Andere bleiben Mitglied der Kirche, haben aber mit dem Glauben ihrer Kindheit zu kämpfen – entweder denken sie, sie müssten ihm weiter verhaftet bleiben, oder sie weisen ihn zurück, ohne etwas anderes an seine Stelle setzen zu können. Und wiederum andere, davon besonders viele unter Vierzig, sind niemals näher mit der Kirche in Berührung gekommen und finden das Christentum wenig anziehend, sehnen sich aber häufig nach einer Quelle für Sinn und Werte.
In den vergangenen Jahrhunderten ist diese frühere Sicht des Christentums, die ich das »frühere Paradigma« nenne, in der westlichen Kultur von den meisten Christen geteilt worden. Sie ist insgesamt betrachtet immer noch die Stimme der Mehrheit. Wie ich im ersten Kapitel ausführlicher beschreiben werde, sieht dieser frühere Weg des Christseins die Bibel als die einzigartige Offenbarung Gottes, betont ihre wörtliche Bedeutung und betrachtet es als zentral für das christliche Leben, jetzt um der späteren Erlösung willen zu glauben – an Gott, an die Bibel und an Jesus -, um in den Himmel zu gelangen. Bezeichnenderweise gilt hier das Christentum auch als die einzig wahre Religion.
Das »aufkommende Paradigma« hat sich über einen Zeitraum von mehr als hundert Jahren entwickelt und ist in letzter Zeit zu einer bedeutenden Bewegung an der Basis vieler Kirchen geworden.1 In einem positiven Sinne ist sie das Produkt des Aufeinandertreffens von Christentum und der modernen bzw. postmodernen Welt, von Naturwissenschaften, Geschichtswissenschaft, religiösem Pluralismus und kultureller Vielfalt. Weniger positiv betrachtet ist sie das Produkt unserer eigenen Bewusstwerdung darüber, was das Christentum zu Rassismus, Sexismus, Nationalismus, Exklusivismus und anderen Ideologien beigetragen hat.
Dieses Buch versucht, die neu aufkommende Vorstellung vom Christentum zu beschreiben. In erster Linie ist es für Menschen geschrieben, die mit der älteren Sicht nichts mehr anfangen können. Was kann in unserer Zeit des Wandels und der Konflikte innerhalb der Kirchen die Mitte, das Herz des Christentums sein? Was ist heutzutage wesentlich für ein authentisches christliches Leben?
Dieses Buch ist in mehr als nur einem Sinne persönlich. Zum einen ist es durch meinen eigenen christlichen Weg bestimmt. Ich habe die Veränderungen, die ich beschreibe, selber durchgemacht, und im Laufe der Jahre habe ich für mein eigenes Leben eine überzeugende und bezwingende Vision vom Christentum gefunden.
Zum anderen ist es durch die Erfahrungen geprägt, die ich bei meinen Vorträgen vor mehr als zweihundert christlichen Gruppen in den Jahren um die Jahrtausendwende gesammelt habe. Ursprünglich wurde ich als historisch-kritischer Neutestamentler eingeladen, um Vorträge über Jesus zu halten. Meine Zuhörer waren jedoch – was nicht sehr verwundert – nicht nur daran interessiert, was Historiker über Jesus zu sagen hatten, sondern auch an den damit verbundenen großen Fragen des christlichen Lebens: den Fragen nach Gott, dem Glauben, der Bibel, der biblischen Autorität, Sühne, Auferstehung, unseren Glaubensbekenntnissen, dem Gebet, dem Verhältnis des Christentums zu anderen Religionen und so weiter. Ihr Interesse an Jesus war Teil ihres größeren Interesses an der heutigen Bedeutung des Christentums.
Ich habe von meinen Zuhörern gelernt und im Laufe der Jahre diese größeren Fragen immer stärker thematisiert. Es war sowohl eine lehrreiche als auch eine ermutigende Erfahrung. Sie war lehrreich insofern, weil ich gelernt habe, worauf es ankommt bei der Entwicklung von einer früheren, wenig überzeugenden Vision des Christentums zu einer Vision, die sowohl den Kopf als auch das Herz zufrieden stellt. Sie war ermutigend, indem ich ein Bewusstsein erlangt habe für unser großes Bedürfnis nach einem anderen Religionsverständnis; einem Verständnis, das sowohl die christliche Tradition ernst nimmt als auch die neueren Entwicklungen. Ich bin auch guten Mutes, dass die Vision, die ich beschreibe, viele Menschen ansprechen kann. Wenn sie das nicht täte, käme ich mir selber eigenartig vor – so als würde ich nur mein eigenes Steckenpferd reiten.

Dieses Buch ist das Ergebnis dessen, was ich bisher über das Christsein heute formulieren konnte. Es vereint Wissenschaft, Erfahrung und Erinnerung. Es reflektiert zwar meine jahrelangen Studien über Christentum und Religion, basiert aber ebenso auf meinen allgemeinen Lebenserfahrungen und auf meinen Erfahrungen als Christ im Speziellen. Um das Offensichtliche auszusprechen: Wie wir sehen, hängt stark davon ab, was wir gesehen haben.
Ferner basiert es auch auf meinen Erinnerungen an Dinge, die ich gelesen oder gehört und dann behalten habe, obwohl ich zu der Zeit nicht unbedingt »geforscht« habe. So war ich manchmal nicht in der Lage, die genaue Quelle eines Zitats zu nennen und dadurch gezwungen, mich wie der Autor des Briefes an die Hebräer im Neuen Testament auszudrücken:
»Irgendwo aber hat einer bezeugt und gesagt« (Hehr 2,6a).2 Es ist immer gut, wenn man sich auf ein biblisches Beispiel berufen kann.
Meine Hoffnung ist, dass diese Verbindung von Studium, Erfahrung und Erinnerung denen helfen kann, die versuchen, ihr Verständnis des Christentums und des christlichen Lebens zu vertiefen. Um es in den Worten meiner Frau Marianne zu sagen: Dies ist ein Buch »für die Liebhaber des Glaubens und die, die einen Glauben zum Lieben suchen«.
Es gibt viele Menschen, die dieses Buch möglich gemacht haben, denen ich danken müsste – mehr als ich hier nennen kann. Ich habe über die Themen dieses Buches in Dutzenden von Kirchengruppen überall in den USA gesprochen, in Sommer-Kursen des theologischen Seminars Hartford in Connecticut und der Graduate Theological Union in Kalifornien, und auf der Ring Lake Ranch in Wyoming. Aus ihren Reaktionen und Fragen habe ich gelernt.
Ich möchte auch meinen Kollegen in der Philosophischen Abteilung an der Oregon State University danken. Sie haben mich in meiner Arbeit, bei meinen Vorlesungen und beim Schreiben weit über die Universität hinaus unterstützt. Im Besonderen möchte ich Dr. Judy Ringle danken, deren kompetente Hilfe bei meiner Korrespondenz und bei der Arbeit mit meinen Klassen mir viel kostbare Zeit geschenkt hat. Ich möchte außerdem mehreren Menschen danken, die bei der Entstehung dieses Buches wichtig waren: John Loudon, Kris Ashley, Lisa Zuniga, Kris Tobiassen und Ann Moru. Ihre Tüchtigkeit, Hilfsbereitschaft und Urteilskraft weiß ich sehr zu schätzen.
Schließlich widme ich dieses Buch Ike und Beechie Kampmann aus San Antonio und Houston, Texas. Ike und Beechie haben sich der Verbreitung eines progressiven Christentums in der heutigen Kirche Nordamerikas verschrieben. Ich danke ihnen für die Unterstützung meiner Arbeit.

Marcus J. Borg

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