Einleitung

„Der erste Schluck
aus dem Becher der Wissenschaft
führt zum Atheismus,
aber am Boden des Bechers
wartet Gott!“

Werner Heisenberg

EINLEITUNG

Das oben angeführte Zitat des Atomphysikers und Nobelpreisträgers Werner Heisenberg spiegelt eine Erfahrung wieder, die viele Physiker zu Beginn des 20. Jahrhunderts – insbesondere bei der Entwicklung der Quantenphysik – gemacht haben. Die klassischen Naturwissenschaften mit ihren auf Experimente gestützten Erforschungen revolutionierten nämlich nicht nur die technologische Entwicklung, sondern drangen auch immer weiter in Bereiche vor, die bis dato einer göttlichen Verursachung vorbehalten waren. Die Einführung des heliozentrischen Weltbildes und die Entwicklung der Darwin‘schen Abstammungslehre sind zwei prominente Beispiele. Wie bekannt, gab es dazu mit den Vertretern christlicher Glaubensrichtungen heftige und kontroverse Diskussionen – immer mit dem für die Kirchen fatalen Ausgang, dass sich die wissenschaftlichen Erklärungen als richtig herausstellten und die kirchlichen Positionen aufgegeben werden mussten. Das führte dazu, dass am Ende des 19. Jahrhunderts nicht wenige Wissenschaftler und Intellektuelle davon ausgingen, dass das Ende der Religionen gekommen sei. Der übernatürlich theistisch verstandene Gott war in ihren Augen nur noch ein Lückenbüßer zur Erklärung noch-nicht-verstandener Phänomene und somit letztlich ein zeitlich befristetes Auslaufmodell1. Diese Sichtweise ist unter Naturwissenschaftlern bis in unsere Zeit hinein immer noch sehr weit verbreitet.

Eine kaum beachtete Wende in der Einstellung von Wissenschaftlern zur Frage nach Transzendentem bzw. zur möglichen Existenz eines göttlichen Hintergrundes trat erst durch die Erforschung von Atomen und sub-atomaren Teilchen ein. Die Atomphysiker kamen bei ihren Forschungen am Boden der Materie nämlich immer mehr zur Einsicht, dass das Ergebnis ihrer jahre-langen und intensiven Bemühungen nicht das erwartete, immer präzisere Verständnis der Natur war, sondern dass sie letztlich vor einem großen Geheimnis standen, welches nur noch in der Sprache der Mathematik und nicht in unserer Alltagssprache zu beschreiben war. Das war ein Schock für die Wissenschaft, die doch angetreten war, alle Phänomene der Natur mit größtmöglicher Präzision zu beschreiben. Das Erschauern vor dem sprachlich Nicht-Ausdrückbaren und Ge-heimnisvollen am Boden der Natur hat in nicht wenigen Quantenphysikern und Quantenchemikern eine Ahnung von einem göttlichen Mysterium hinter Allem und in Allem wachgerufen. So auch in Werner Heisenberg, wenn er am „Boden des Bechers“ Gott vermutete.

Das Verhältnis von Naturwissenschaft und Glaube hat auf diese Weise eine paradoxe Wende genommen: Nachdem die klassische Naturwissenschaft über einen Zeitraum von ca. 250 Jahren zu einem erheblichen Teil dazu beigetragen hat, das übernatürlich-theistische Gottesbild zu überwinden, war es wiederum die Wissenschaft, und hier speziell die Quantenphysik, die Anstöße dazu gab, einem Gottesbild nachzugehen, welches von den Mystikern schon immer favorisiert wurde: Das Gottesbild des „Pan-en-theismus“, was übersetzt so viel heißt wie „Gott-in-Allem“.

Kurzübersicht über die Inhalte:

Im ersten Kapitel steht die Physik im Vordergrund und zwar die für das weitere Verständnis wichtigen Grundkonzepte der Quantenphysik. Dabei geht es in erster Linie darum, die Doppelnatur von Quanten deutlich zu machen: Zum einen ihren reellen, mess- und sichtba-ren Charakter (auch Faktizität genannt) und zum ande-ren ihre nicht sicht- und messbare, eher informationsartige Weise als Möglichkeitswelle zu „existieren“ (ihre Potentialität). Das Doppelspaltexperiment dient als prominentes Beispiel zur Verdeutlichung dieser Doppelnatur.

Im zweiten Kapitel geht es um Interpretationen der Doppelnatur der Quanten, die über die Physik hinaus-gehen. Den Ausführungen von Hans-Peter Dürr zufolge haben die Wahrscheinlichkeitswellen der Quanten durchaus Eigenschaften des Geistigen. Diese Aussage hat mich ermutigt, die Doppelnatur der Quanten als ein Modell für die Materie-Geist-Interaktion heranzu-ziehen. Sowohl das Phänomen des Lebens wie auch das des Bewusstseins werden auf dieser Grundlage diskutiert.

Im dritten Kapitel wird das aus der Quantenphysik extrapolierte Konzept der engen und wechselseitigen Interaktion zwischen geistigem Hintergrund und materieller Umsetzung auch auf den göttlichen Bereich übertragen. Die logische Folge ist ein panentheisti-sches Gottesbild, also das Bild eines „Gott-in-Allem“. Wie bereits erwähnt, entspricht das auch dem Gottes-bild vieler Mystiker. Willigis Jäger drückt das so aus: „Gott offenbart sich im Baum als Baum, im Tier als Tier und im Mensch als Mensch“.

Im vierten und letzten Kapitel werden Fragen angesprochen, die im Zusammenhang mit dem behandel-ten Thema stehen und nach Vorträgen regelmäßig nachgefragt werden:
1. Gibt es eine persönliche Gottesbeziehung im Panentheismus?
2. Wie sollen wir zu einem „Gott-in-Allem“ beten?
3. Wie beantwortet der Panentheismus die Frage nach dem Leid und dem Bösen in der Welt?

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