Einleitung

Suche nach Gründen für meinen Glauben

 

Seht ihr den Mond dort stehen?
Er ist nur halb zu sehen,
Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
Weil unsre Augen sie nicht sehn
.

Matthias Claudius, 1778

 

Gibt es eine Welt hinter der Welt? Gibt es ein Jenseits, eine Transzendenz, einen Gott? Das sind Fragen, die in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt haben, mich auch heute noch beschäftigen und wohl auch in Zukunft nicht loslassen werden.

Die Frage nach dem Jenseits gehört zu den urmenschlichsten aller Fragen. Bereits die frühesten Vertreter unserer Spezies haben offensichtlich Antworten darauf gesucht: Sie bestatteten ihre Toten und legten ihnen Beigaben (z.B. Nahrung, Kleidung, Waffen) mit ins Grab. Damit wollten sie ihnen eine sichere Reise in die Unterwelt ermöglichen. Aus diesen Ritualen schließen wir heute, dass sich bereits die ersten Menschen Gedanken über ein Weiterleben nach dem Tod gemacht haben.

Im weiteren Verlauf der Entwicklungsgeschichte des Menschen blieb der Jenseitsglaube immer ein fester Bestandteil seiner Kultur. Es waren insbesondere die Religionen, die diesem Glauben durch Rituale, Lehren und kultische Handlungen konkreten Ausdruck verliehen. Für das geistige und gesellschaftliche Wachstum der Menschheit hatten sie eine unschätzbare Bedeutung. Erst mit dem Aufkommen der Aufklärung im 18. Jahrhundert und der Moderne im 19. Jahrhundert wurde ihre kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung erstmals ernsthaft in Frage gestellt. Dem Kant’schen Leitsatz der Aufklärung folgend: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ kam es zu einer großen Welle heftiger und grundsätzlicher Religionskritik. Für Ludwig Feuerbach bedeutete Religion eine Projektion: „Gott“ sei nur der an den Himmel projizierte Selbstausdruck des endlichen Selbstbewusstseins, das sich nach Unendlichkeit sehne. Für Karl Marx war Religion „der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt der herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ Für Sigmund Freud wiederum waren religiöse Vorstellungen primär ein Ausdruck unbewusster Prozesse und infantiler Abhängigkeit. Der religiöse Mensch sehe Gott als Vaterfigur, die er brauche, um die Verantwortung für ein selbstbestimmtes Leben abzugeben. Gottesglaube sei eine illusionäre Befriedigung des regressiven kindlichen Wunsches nach Geborgenheit, Sicherheit und Autorität.

 

Diese Kritiken haben insbesondere den christlichen Kirchen vor Augen geführt, wie leicht das auf Offenbarung und Tradition beruhende, rational jedoch in weiten Teilen nicht mehr nachvollziehbare Glaubensgerüst verletzt und umgestoßen werden konnte. Diese eher philosophische Kritik wurde in den Folgejahren noch verstärkt durch die grundsätzliche und methodische Einstellung der aufstrebenden Naturwissenschaften und der Technik, keine Erkenntnisse auf der Grundlage transzendent begründeter Dogmen und Hypothesen mehr zu benötigen. Damit war der Boden bereitet für eine tiefgreifende Erschütterung der Glaubwürdigkeit der Religionen, die sich bis heute auswirkt in Form eines anhaltenden Exodus der Menschen insbesondere aus den christlichen Kirchen der westlichen Gesellschaften.

 

Ich reihe mich ein in die Reihe derjenigen, die zwar intuitiv in ihrem Inneren der tiefen Überzeugung sind, dass sich hinter dieser sichtbaren und greifbaren Welt eine weitere, hintergründige Wirklichkeit verbirgt, „der wir im Westen den Namen Gott gegeben haben“ (Willigis Jäger), die aber Schwierigkeiten damit haben, speziell die von den christlichen Religionen angeführten Argumente für einen solchen Glauben rational nachzuvollziehen.

 

Mein Grundanliegen, dem ich in diesem Buch nachgehen möchte, lautet daher: Finde ich plausible und rational nachvollziehbare Begründungen (nicht Beweise!) für einen Glauben an Gott? Aus der großen Fülle möglicher Antworten haben sich für mich zwei als ganz besonders überzeugend herauskristallisiert: Zum einen die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Nahtodforschung und zum anderen das immer bessere Verständnis der elementaren Grundprozesse der Natur, die u.a. von der Quantenphysik untersucht werden. An diesen beiden Themenfeldern orientiert sich die Organisation dieses Buches.

 

Die umfangreichen wissenschaftlichen Forschungsergebnisse über Erfahrungen von Menschen, die an der Schwelle des Todes standen und wieder reanimiert wurden, gehören für mich zu den überzeugendsten Hinweisen auf die Existenz einer jenseitigen Welt. Diese unter der Bezeichnung „Nahtoderfahrungen“ (NTE) bekannt gewordenen Erfahrungen waren anfangs auf einige wenige Berichte beschränkt. Der prominenteste von ihnen stammt vom amerikanischen Psychiater Raymond Moody aus dem Jahr 1975: „Life after Life“. Nachdem dieses Buch im Jahr 1976 unter dem Titel „Leben nach dem Tod: Die Erforschung einer unerklärlichen Erfahrung“1 auch in deutscher Sprache veröffentlicht wurde, gab es hierzulande viel Kritik. Die beschriebenen Nahtoderfahrungen wurden im Wesentlichen auf Halluzinationen reduziert, die durch Sauerstoffmangel im Gehirn verursacht würden. Diese für mich undurchsichtige Diskussion hat mich damals sehr verunsichert und dazu bewogen, den in den Folgejahren immer wieder erscheinenden und zum Teil sensationell aufbereiteten Berichten über Nahtoderlebnisse keine besondere Beachtung zu schenken.

 

Neu belebt wurde mein Interesse am Thema NTE wieder vor etwa zwei Jahren, als ich zum ersten Mal von der großangelegten NTE-Studie des niederländischen Kardiologen Pim van Lommel erfuhr. Die große Resonanz, die die Veröffentlichung dieser bis dahin größten wissenschaftlichen Studie zum Thema NTE in der renommierten medizinischen Zeitschrift „The Lancet“ im Jahr 2001 sowie das anschließend erschienene Buch „Endloses Bewusstsein“² im Jahr 2003 erfahren haben, hat dazu geführt, dass Nahtoderfahrungen zu einer ganz wertvollen Quelle für meinen Glauben an die Existenz einer Welt-hinter-der-Welt geworden sind. Auch wenn jede Nahtoderfahrung keiner anderen in allen Punkten gleicht, so ergeben die Berichte von mittlerweile tausenden von Nahtoderfahrenen doch ein Gesamtbild vom Übergang zwischen Leben und Tod, das an Überzeugungskraft für den Glauben an die Existenz einer jenseitigen Wirklichkeit alles in den Schatten stellt, was jemals über das Leben nach dem Tod gesagt oder geschrieben wurde.

Die aktuellen Ergebnisse der Nahtodforschung und ihre Konsequenzen für ein erneuertes Menschen- und Gottesbild stellen den Inhalt des zweiten Kapitels dieses Buches dar.

 

Auch wenn die aktuellen Ergebnisse der NT-Forschung meine persönliche Glaubensüberzeugung enorm stärken, fragt der Verstand des Wissenschaftlers in mir auch weiterhin: Wie passen die berichteten Phänomene zum gängigen wissenschaftlichen Weltbild? Die Antwort lautet: Gar nicht! Das erklärt die Tatsache, dass die Ergebnisse der NTE-Forschung in „seriösen“ Kreisen der Wissenschaft ignoriert oder lächerlich gemacht werden. „Dahinter steckt meiner Meinung nach die Angst, das eigene Weltbild zu verlieren.“ sagt Pim van Lommel. Die Angst, die van Lommel hier anspricht, bezieht sich auf das konventionelle Mainstream-Weltbild der überwiegenden Zahl von Wissenschaftlern. Dieses Weltbild ist geprägt vom Materialismus und Reduktionismus, d.h. es beruht auf einer ausschließlich materiellen Grundlage und führt alle in der Natur vorkommenden Phänomene – auch die des Lebens und des Bewusstseins – auf physikalisch-chemische Ursachen zurück. Auch das Phänomen des Geistes kann in diesem Weltbild nur als Ausfluss des Materiellen erklärt werden. Es wird häufig als Epiphänomen dargestellt, d.h. als eine primär nicht beabsichtigte Folgeerscheinung des komplexen menschlichen Gehirns. Dass dieses z.T. wortgewandt präsentierte Weltbild für die Entstehung der wichtigsten Phänomene der Evolution, nämlich für die Entstehung des Lebens und des Bewusstseins, keine plausiblen Erklärungen zu bieten hat, verkünden mittlerweile auch angesehene Philosophen wie z.B. Thomas Nagel in seinem Buch „Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.“³

 

Die Ergebnisse der Langzeitstudie von Pim van Lommel sind eine enorme Provokation für die Vertreter des materialistischen Weltbildes: Die zahllosen Berichte von Nahtoderfahrenen sind mit einem Weltbild, welches Bewusstsein ausschließlich als Ausfluss eines funktionierenden Gehirns ansieht, nicht zu erklären. Wie sollte es im Zustand eines Herzstillstandes und eines daraufhin automatisch einsetzenden Gehirntodes möglich sein, die Umstände des drohenden Todes – z.B. während einer Operation – nach einer erfolgreichen Reanimation sehr genau beschreiben zu können? Diese Berichte legen nahe, dass es neben dem zum Erliegen gekommenen körpergebundenen Wachbewusstsein eine andere Art körperloses Bewusstsein geben muss, welches auch während des Sterbeprozesses weiter existiert und vermutlich auch den Tod überdauert. Pim van Lommel nennt es erweitertes, endloses oder auch nicht-lokales Bewusstsein, weil es während dieser Bewusstseinsphase keine Zeit- und Raumempfindung gibt. Eine plausible Erklärung für diesen Bewusstseinszustand findet Pim van Lommel in der Struktur der Quantenphysik, in der ebenfalls nicht-materielle, nicht-lokale Zustände von Quantenobjekten wie Elektronen, Photonen etc. bekannt sind. Als ich in van Lommels Buch „Endloses Bewusstsein“² das Kapitel „Quantenphysik und Bewusstsein“ fand, war ich hoch erfreut. Beschäftige ich mich doch selber bereits seit einigen Jahren mit der Quantenphysik als einem wirkungsvollen Erklärungsmodell für die Welt-hinter-der-Welt.

 

Entscheidend für die metaphysische Erklärungskraft der Quantenphysik ist in meinen Augen weder die Heisenberg’sche Unschärferelation noch der häufig falsch verstandene Welle-Teilchen-Dualismus, sondern eher eine intrinsische „Zwei-Naturen-Eigenschaft“ aller Quantenobjekte. Darunter verstehe ich zum einen die sichtbare, physikalisch-materielle Natur und zum anderen eine unsichtbare, metaphysisch-immaterielle Qualität. Es ist faszinierend zu sehen, dass am tiefsten Grund in allen „Bausteinen“ unseres Kosmos eine Struktur sichtbar wird, die auf einem engen und unauflösbaren Austausch zwischen diesen beiden Naturen beruht. Ich denke, damit wird verständlich, weshalb die Quantenphysik für das Thema dieses Buches so attraktiv ist: Sie ist ein adäquates Modell für die Interaktion unserer Alltagswelt mit einer Welt-hinter-Welt.

Nähere Details zur Quantenphysik und ihre Konsequenzen für ein verändertes Weltbild werden im dritten Kapitel behandelt.

 

Das vierte Kapitel ist gedacht für Freunde der Philosophie. Hier geht es um die grundsätzliche Frage: Wie müssen die ‚Grundbausteine‘ unserer Wirklichkeit beschaffen sein, wenn aus ihnen ein Universum mit den Eigenschaften einer Zwei-Welten-Wirklichkeit entstehen soll?

Die philosophische Theorie, die sich mit solchen grundlegenden Fragen befasst, ist die Ontologie, d.h. die Lehre vom Sein. Nachdem nun die Physik durch die Entwicklung der Quantenphysik und Quantenfeldtheorie im Laufe der letzten 100 Jahre sehr viel Licht in die tiefsten Grundlagen unserer materiellen Wirklichkeit gebracht hat, ist es jetzt unerlässlich, dass auch die Ontologie diesen Erkenntnissen Rechnung trägt und Erklärungen für die z.T. paradoxen Phänomene liefert. Ein Hauptproblem bei dieser Aufgabe besteht darin, dass es für jeden Philosophen, der nicht Physik studiert hat, einen enorm hohen Aufwand bedeutet, die entscheidenden Aspekte der Quantentheorie so gut zu verstehen und herauszuarbeiten, dass er darauf eine tragfähige Ontologie aufbauen kann. Einer der wenigen qualifizierten Philosophen, die sich mit dieser Fragestellung auseinander setzen, ist der an der Universität Mainz lehrende Physiker und Philosoph Meinard Kuhlmann. Ausgangspunkt für seine Überlegungen ist folgende: „Physiker beschreiben das Universum für gewöhnlich als eine Menge von subatomaren Teilchen, die einander mittels Kraftfeldern anziehen und abstoßen. Sie arbeiten mit einer Art Lego-Modell der Natur. Doch dieses Weltbild kehrt eine wenig bekannte Tatsache unter den Teppich: Sowohl in der Teilchen- wie in der Feldinterpretation der Quantenphysik werden die vertrauten Begriffe “Teilchen” und “Feld” derart weit gefasst, dass sich allmählich die Meinung durchsetzt, die Welt könnte aus etwas ganz anderem bestehen.“ Dieses „ganz andere“ ist nach Meinung von Kuhlmann die Kategorie „Eigenschaft“. Kuhlmann stützt sich dabei auf die Tropenontologie, eine relativ junge Theorie, die eigentlich zur Lösung des Universalienproblems entwickelt wurde.

Es ist für mich faszinierend zu sehen, dass die Philosophie der Tropenontologie, die Kuhlmann modifizierte, um die schwierigste aller physikalischen Theorien, die Quantenfeldtheorie, zu verstehen, meiner Meinung nach auch das Potential besitzt, das rational schwer nachvollziehbare NT-Phänomen eines erweiterten Bewusstseins ohne körperliche Basis einer Erklärung näher zu bringen.

 

Im letzten Kapitel versuche ich, ein Gesamtpanorama des Großen-Ganzen auf der Grundlage der Ergebnisse dieses Buches zu entwerfen. Dabei zeigt sich, dass die aus der Quantenphysik abgeleitete Zwei-Ebenen-Struktur gut geeignet ist, auch die Erkenntnisse der Nahtodforschung und der in diesem Zusammenhang berichteten Gotteserfahrungen mit einzubeziehen. Das Gesamtbild (Abb. 5.1) ähnelt in seiner Struktur der Vision Teilhard de Chardin‘s, dass nämlich die Evolution als ein Wachstumsprozess des Bewusstseins angesehen werden kann, der einhergeht mit einer Komplexifizierung der Materie. Mein Beitrag ist letztlich eine Erweiterung dieses Weltbildes zum einen in Richtung der grundlegendsten Prozesse der Natur, die von der Quantenphysik beschrieben werden, und zum anderen in Richtung Nahtodforschung, also in eine Richtung, die über den materiellen, körperlichen Bereich hinausgeht.

Als Resümee kann ich festhalten, dass die intensive Beschäftigung mit Nahtodforschung, Quantenphysik und Philosophie für mich ein fruchtbarer Weg war, überzeugende Indizien für eine jenseitige Welt zu gewinnen und dadurch meinem intuitiven Glauben mehr Rückhalt zu geben. Ich habe das Empfinden, dass die gewonnenen Einsichten nicht nur für mich nützlich sind, sondern möglicherweise auch für viele andere. Deshalb teile ich sie gerne und würde mich freuen, wenn sie dem einen oder der anderen helfen könnten, das eigene Leben als kostbare Teilhabe am großen, kosmischen und göttlichen Spiel des Lebens wahrzunehmen.

 

 

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